Jahres- und Jubiläumskonzert 2008 in Braunschweig: Akkordeon-„König für einen Tag!“

Das Jahreskonzert des „BAO“ (Braunschweiger Akkordeonorchester) hat in Braunschweig eine jahrzehntelange Tradition; längst ist es eines der herausragenden musikkulturellen Ereignisse dieser Stadt. So war auch diesmal am Sonntagvormittag des 1. Juni 2008 die Stadthalle nahezu ausverkauft. Und viele kamen von weit her, um hochkarätige Akkordeonmusik zu hören - eine gewohnt kluge Mischung aus älterer oder auch neuerer Originalmusik für Akkordeon sowie adäquaten Bearbeitungen sinfonischer Kunst- und Unterhaltungsmusik. Die Reise hat sich gelohnt: Erneut demonstrierte das Braunschweiger Akkordeonorchester, bei den letztjährigen Internationalen Wertungsspielen in Innsbruck ehrenvoller Fünfter der Höchststufe und somit eines der besten Orchester überhaupt, die enorme Spannweite seiner Ausdrucksfähigkeiten zwischen heiterem Schwung und schwermütiger Tiefgründigkeit. Der aus immerhin 36 ehrgeizigen teils jüngeren, teils erfahrenen Spielerinnen und Spielern homogen zusammengesetzte Klangkörper blieb auch diesmal seiner bewährten Devise treu; es begann mit dem besten Stück (nämlich einer bei Freunden des Akkordeons beliebten Ouvertüre) und steigerte sich sodann kontinuierlich zur Freude seines aufgeschlossenen und sachkundigen, zunehmend begeisterten Publikums. Die neue, hörbar überlegene Bearbeitung dieser anspruchsvollen, doch formal wie melodisch abwechslungsreichen und eingängigen Ouvertüre des ansonsten heute vergessenen Opernkomponisten Adolphe Adam zu seiner Oper „Si j’etais roi“ („Wenn ich König wär“ oder auch „König für einen Tag“) stammt diesmal allerdings von Rudolf Würthner, dem bedeutenden Akkordeonisten (Vize-Weltmeister von 1949!), langjährigen Leiter des professionellen „Orchester des Hauses HOHNER“, bis heute unerreichten Komponisten anspruchsvoller Unterhaltungsmusik („Schweizerische Rhapsodie“) und begnadeten Arrangeur leichter Klassik; dessen Witwe Lore Würthner selbst, die noch immer bewundernswert engagierte Gralshüterin seines Lebenswerkes, hat diese Spezialpartitur dem Orchester anvertraut: wie immer setzt Würthner die elektronischen und rhythmischen Zusatzinstrumente behutsam ein – statt der Harfe (oder einem unzureichenden elektronischen Ersatzinstrument) hören wir die virtuosen Kadenzen der Einleitung als Transformation auf dem Soloakkordeon (einer HOHNER-„Gola“), unvergleichlich gespielt von einer der besten Akkordeonistinnen hierzulande, der Konzertmeisterin Ute Heitmann, die wie auch ihr Kollege und Orchesterdirigent Udo Menkenhagen in der Harmonika-Stadt Trossingen studiert hat.

Seit nunmehr 14 Jahren verfügt das Braunschweiger Akkordeonorchester über eine zweite Solistin, um die es zahllose Mitbewerber beneiden könnten: So lange schon führt Frau Gerhild Werner als charmante und kluge Moderatorin durch ein jeweils ansprechendes Programm, dessen verschiedenartige Punkte der Erläuterung, manchmal (2004 bei der zeitgenössischen Originalkomposition „Krakatau“ von Stefan Hippe) der Beschwichtigung bedürfen. Sie ist auch heute wieder großartig: Gut gelaunt, souverän, humorvoll und sachkundig stellt die hauptberufliche Grundschulleiterin die Musik des Akkordeonorchesters in den Mittelpunkt – und wirkt als ruhender Pol, als perfekte Gastgeberin. Auch ihr hätte man noch stundenlang zuhören wollen…

Originalmusik für Akkordeon kann hochkarätig sein – vor allem wenn sie von Fritz Dobler stammt, dem inzwischen dienstältesten Akkordeonlehrer und -komponisten, der mit seinen 81 Jahren noch immer als Bundesdirigent Lehrgänge hält. Seine insgesamt in einem Zeitraum von zwanzig Jahren entstandenen vier „Werziaden“ sind bekanntlich seinem Freund und Friseur Herbert Werz gewidmet, wobei sich (so zitiert Frau Werner Udo Menkenhagen) „die unbeschwerte Lockerheit … im Lauf des Zyklus zur tiefgründigen Seinsfrage“ wandelt: Der Trauermarsch der „Werziade 4“ schildert eindringlich und ergreifend die Wehmut des Abschiednehmens im Wissen um die eigene Sterblichkeit. Und doch bleibt sich der erstaunlich vital gebliebene Dobler in seiner synkopisch angereicherten Polyrhythmik fern jeglicher Sentimentalität treu. Wie jenes Würthners wird auch sein quantitativ und qualitativ gewaltiges Werk als unverzichtbarer Meilenstein akkordeonistischer Originalmusik die Zeiten überdauern.

Das Genre des Solokonzerts hat in Braunschweig eine lange Tradition – schließlich war der klassisch-romantische Komponist Louis Spohr im 19. Jahrhundert neben Niccolò Paganini der größte Geiger seiner Zeit. Zudem hatte das Braunschweiger Akkordeonorchester bereits vor acht Jahren bewiesen, dass es mutig so spielerisch wie geschmacksicher musikalische und klangliche Grenzen zu überschreiten vermag, indem es Gershwins einsätziges Klavierkonzert zwischen Kantilene und Jazz aufführte (bzw. auf CD einspielte), die „Rhapsodie in blue“ – schon damals in einer überzeugenden Bearbeitung seines Dirigenten Udo Menkenhagen und mit Wolfgang Zill am Flügel. Der bekannte Braunschweiger Pianist und beliebte Musikschullehrer brilliert diesmal mit einem modernen und dennoch gefälligen dreisätzigen Klavierkonzert (Nr. 2, in F-Dur) des neben Igor Strawinsky und Sergei Prokofjew bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts: Dimitri Schostakowitsch. Bearbeitungen klassischer Meisterwerke für sinfonische Besetzung gelten als problematisch und sind es oft auch – schließlich darf sich eine eigenständige, zunehmend selbstbewusste Akkordeonkultur nicht mit Imitationen in der Kritikernähe der Selbstkarikatur begnügen. Menkenhagen, bundesweit einer der großen Akkordeonlehrer und -kenner, wählte instinktiv zielsicher genau das richtige Werk: Gerade dass es im Original wenn auch unverdientermaßen wenig bekannt ist, dass es fern zwar kryptisch verschleierter, doch lebenslanger politischer Ängste und Gefährdungen des regimekritischen, gelegentlich aufmüpfigen Komponisten hinter dem großen Bruder, dem Klavierkonzert Nr. 1 in C-Moll ein Schattendasein führt, rechtfertigt die Bearbeitung. Vom „apokalyptischen Soundtrack zum 20. Jahrhundert“ (so der Musikjournalist Gottfried Blumenstein zu Schostakowitschs vielseitigem Gesamtwerk) war nichts zu hören: Stattdessen verschmolz der eher anmutige Klavierpart in allen drei Sätzen mit dem wirkungsvollen, doch stets unaufdringlichen Akkordeonklang, von den gebrochenen Akkorden des Kopfsatzes über die strömende Ruhe des Andante bis zum temperamentvollen Finale. Die Braunschweiger Uraufführung und die erneute Kooperation mit dem Berufsmusiker Wolfgang Zill sind unbestritten und allen Unkenrufen zum Trotz der musikalische Höhepunkt dieses an Glanzpunkten reichen Konzerts!

Der kulturelle Höhepunkt folgt aus heiterem Himmel und vor allem für den Jubilar überraschend: der erst 47jährige Diplommusiklehrer und Bezirksdirigent Udo Menkenhagen leitet seit 30 Jahren Akkordeonorchester, davon die letzten 21 Jahren das auch seinetwegen über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannte und erfolgreiche „BAO“! Anlässlich dieses seltenen Dirigentenjubiläums lässt es sich Harald Kistner, der Präsident des Landesverbandes Niedersachsen des Harmonika-Verbandes, nicht nehmen, seinen Kollegen und Freund zu ehren sowie (mit Ehrennadel und Urkunde) auszuzeichnen, so dass die Ouvertüre des Konzertbeginns nunmehr eine programmatische Dimension erhält: Udo Menkenhagen darf und soll sich als Akkordeon-„König für einen Tag“ fühlen und wird vom Publikum entsprechend gefeiert! Zurecht hebt Präsident Harald Kistner besonders das hohe Niveau hervor, das der Dirigent des „BAO“ und Musikschullehrer damals als erst 17jähriger bei seinem Jugend-, bald auch bei seinem Erwachsenenorchester erreicht hat. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht: Innsbruck ruft alle drei Jahre!

Es folgt die anspruchsvolle leichte Muse: zunächst der von dem bekannten schwäbischen Akkordeonlehrer Thomas Bauer adäquat bearbeitete „Novitango“ Astor Piazzollas mit seinen jähen Zäsuren und deutlichen Brüchen. Wohltuend klingt hier auch die gut eingespielte dreiköpfige Rhythmusgruppe aus Pauken, Schlagzeug und Percussion – im Vergleich zum bei anderen Akkordeonkonzerten oft erlittenen Ein-Mann-(Er-)Schlagwerk. Und witzig sind die drei auch noch: als sie bei Leroy Andersons köstlich unterhaltsamer „Serenata“ plötzlich wie nach einem Zaubertrick mexikanische Hüte tragen oder der Jüngste dieser mitreißenden Rhythmusgruppe an einer echten Schreibmaschine virtuos und spitzbübisch als „Typewriter“ brilliert, eine weitere bekannte humoristische Miniatur von Anderson. Hier wird auch die vorbildliche Jugendarbeit bzw. die nachahmenswerte Kooperation der „BAO“ mit den Musikschulen und allgemeinbildenden Schulen deutlich (wo Udo Menkenhagen mit Erfolg eine Akkordeon-Schülergruppe leitet).

Über die letzte Ansage hätten sich auch Andrew Lloyd Webber, die Direktion und die Musicalbesetzung der Bochumer Starlighthalle gefreut: Unsere Akkordeonkultur steht nicht etwa in Konkurrenz zur sonstigen Musikszene, sie steht auch nicht als unbeachtetes Mauerblümchen abseits – sie führt oft zu ihr hin. Wem das Medley aus dem Erfolgsmusical „Starlight Express“ um die Weltmeisterschaft internationaler Lokomotiven und eine unvermeidliche Liebesgeschichte nicht ausreiche, so Gerhild Werner ausgenzwinkernd, der solle sich das Original ansehen und anhören. Überzeugender lässt sich für ein Miteinander benachbarter und doch divergierender (Musik-)Kulturen nicht werben!

Weitere vom begeisterten Publikum ‚erzwungene‘ Zugaben sind das vom bedeutenden, viel zu früh verstorbenen Trossinger Harmonikalehrer und Virtuosen Hans Rauch speziell für Akkordeonorchester komponierte „Souvenir de Suisse“, eine originelle Mischung aus Swing- und Schnellpolka – und eine Jazzversion des Evergreens vom „Schönen Gigolo“, mit dem das Spitzenorchester nochmals seine beeindruckende Vielseitigkeit beweist: auf dass wir noch lange „an die schöne Zeit denken“ mögen, die wir an diesem Sonntagvormittag mit Akkordeonmusik in seiner oft unterschätzten, doch unglaublichen Bandbreite haben verbringen dürfen.

 

Fred Maurer, Juni 2008

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